Als Frau fragt man sich heutzutage ab und zu, ob es diese Spezies Mann, die man aus den alten Filmen kennt, überhaupt noch gibt, und wenn ja, wo man sie findet. Sie selbst haben einen Partner, der zwar nett und freundlich ist, aber in keinster Weise diesem Ideal des Kavaliers gerecht werden kann. Vielleicht zu Anfang der Beziehung noch ein wenig, aber spätestens wenige Monate nach der Hochzeit wurden diese Allüren schnell abgeschafft. Vergebens wartet man darauf, dass ein Mann aufsteht, wenn man an einen Tisch kommt, oder sich durch andere Höflichkeiten aus seiner Bequemlichkeit heraus reißen lässt. Kavaliere scheinen wirklich aus der Mode gekommen zu sein.
Manche Diskussion über dieses Thema findet ihren Platz in einer Beziehung. Wenn es wieder einmal vorgekommen ist, dass der eigene Mann die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben hat, und ein anderer so freundlich war, der Dame die Türe aufzuhalten, wird manche Ehefrau es nicht versäumen, in einem stillen Moment den Ehemann darauf hinzuweisen. Eigentlich ist das vergebliche Liebesmühe, denn wie könnte der Kerl, der zuhause auf der Couch die Sportschau ansieht, während die Frau in der Küche das Essen macht, auch nur auf die Idee kommen, dass man manchmal einfach Kavalier sein sollte.
Viele zwischenmenschliche Sitten und Gebräuche sind aus der Mode gekommen. Es beginnt schon bei einem Bummel durch die Stadt. Auch wenn man selbst gerne einmal ein Lächeln verschenkt, wenn man einem Menschen direkt in die Augen sieht, wird man sehr selten eines zurück bekommen. Die meisten Leute reagieren eher mit Unverständnis, weil sie nicht wissen, warum man sie anlächelt. Einfach Freundlichkeit findet man immer seltener, vielmehr ist jeder in seinen eigenen Gedanken so sehr versunken, dass er meist gar nicht reagieren kann. Viele resignieren und lächeln auch nicht mehr; eigentlich eine ziemlich traurige Tatsache. Nickt man wirklich einmal jemandem zu, den man nicht kennt, ist die Reaktion die gleiche: Stummes Unverständnis und in seltenen Fällen ein verlegenes Kopfnicken sind die Antwort, die man auf unbeschwerte, grundlose Freundlichkeiten erhält.
Sogar unter Freunden, die zusammen essen gehen, ist es eine Rarität, wenn die Männer den Frauen noch die Mäntel oder Jacken abnehmen, ihnen die Stühle zu Recht rücken und ihnen den Wein nachschenken. Wird hier die Emanzipation so ernst genommen, dass man davon ausgeht, dass die moderne Frau von heute dies als Affront auffassen würde? Oder ist es tatsächlich so, dass die reine Bequemlichkeit hier vorherrscht? Ist es nicht ein hoch offizielles Geschäftsessen, an welchem eine Frau beteiligt ist, findet man diese früher normalen und üblichen Gebräuche nur noch sehr selten.
Auch beim Tanzen haben die Kavaliere sehr an Wert verloren. Befindet man sich auf einer Tanzveranstaltung, ist die Frage, ob man denn bitten dürfe, nur selten zu hören. Auch der Brauch, die Tanzpartnerin an den Tisch zurück zu führen, ist nicht mehr jedem männlichem Tänzer geläufig. Es ist vielleicht nicht schlecht, dass manches steife, vertrocknete Verhalten aus der Gesellschaft verschwunden ist, doch manchmal fehlt es eben doch, das gute benehmen, das den Kavalieren zu eigen ist.
Einem Kavalier würde es im Traume nicht einfallen, am heimischen Tisch zu rülpsen, oder sich von seiner Frau einfach nur aus Gewohnheit bedienen zu lassen. Die kleinen Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten, die die Frauen früher einfach so bekommen haben, wurden im Wandel der Zeit schlicht und einfach vergessen. Es könnte vielleicht auch daran liegen, dass die modernen Frauen in der heutigen Zeit nicht mehr so hohe Ansprüche an einen Mann stellen; schließlich geht es schneller, eine Autotür selbst aufzumachen, als sie sich vom Mann öffnen zu lassen. Die wirklichen Kavaliere sind sehr selten geworden; man findet sie kaum noch: Weder zuhause, noch in der Öffentlichkeit.
Heike Werner
